Gender in der Forschung - Innovation durch Chancengleichheit


Neue Dimension in der Diskussion: Innovationsfaktor Gender

Direkt neben dem Brandenburger Tor, inspiriert von der schwungvoll lichten Architektur von Frank O. Gehry, fand am 18. und 19. April in Berlin die vom Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung CEWS ausgerichtete Konferenz „Gender in der Forschung -Innovation durch Chancengleichheit" im Axica Kongreßzentrum in Berlin statt. Gefördert wurde die Veranstaltung durch das BMBF.

Ziel der Veranstaltung war, im Rahmen der deutschen Ratspräsidentschaft und als Beitrag zum Europäischen Jahr der Chancengleichheit, sowohl das Panorama der Bemühungen des deutschen Wissenschaftssystems um mehr Chancengleichheit in Leitungspositionen vorzustellen als auch dem Innovationspotential des Faktors Gender bei der Veränderung wissenschaftlicher Fragestellungen einen angemessenen Raum zu geben und ins breitere Bewußtsein von Entscheidern zu heben.

Die Bundesministerin für Bildung und Forschung Dr. Annette Schavan eröffnete die Konferenz mit einer auch frauenpolitisch pointierten Rede und nutzte den Rahmen auch zur Ankündigung eines neuen Förderprogramms zur nachhaltigen Erhöhung des Professorinnenanteils.

Führende VertreterInnen des Wissenschaftsrats, der Hochschulrektorenkonferenz, der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Leibniz-Gemeinschaft diskutierten dann unter Einbeziehung des sachkundigen Publikums, wie mit Nachdruck der überfällige Wechsel in der wissenschaftlichen Kultur herbeizuführen und die im internationalen Vergleich für Deutschland beschämenden Zahlen zu verbessern seien.

Hatte schon das Impulsreferat von Prof. Dr. Susanne Baer, Humboldt Universität zu Berlin, die Untrennbarkeit von Wissenschaft und Geschlechterfragen deutlich gemacht und plastisch den „Gender Bias" als den „Haken im Fleisch der Wissenschaft" bezeichnet, so griff Prof. Ernst Theodor Rietschel, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, das Bild auf. Gerade weil sie ja ganz gut mit den bestehenden Verhältnissen fahre, könne die Wissenschaft das Problem nicht alleine lösen. Um das Thema mit Gewicht auszustatten, warb er für die Bildung einer „Gender-Allianz" mit konkreten Zielen, wie das Thema mittels „weicher" und „harter" Maßnahmen in nächster Zukunft endlich "abgehakt" wird. 
 
Es ging aber nicht nur um Maßnahmen „von oben". Im eigenen Selbstverständnis eine „bottom up" Organisation, stellte DFG-Präsident Professor Dr.-Ing. Matthias Kleiner die internen Bemühungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft vor, so z.B. bei den anstehenden Fachkollegienwahlen ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den Geschlechtern im Auge zu behalten. Darüberhinaus könne er sich angesichts dieses „emerging field" in der Forschung ein DFG-Schwerpunktprogramm zu genderspezifischen Sichtweisen in den einzelnen Fächern vorstellen und forderte auf, in dieser Hinsicht von außen qualitativen und quantitativen Antragsdruck zu erzeugen - und sorgte so für viel Applaus. 
 
Die Europäische Kommission selbst war prominent vertreten durch den stellvertretenden Direktor der Generaldirektion Forschung, Dr. Zoran Stančič. Mit seinem Referat zu den aktuellen Akzenten der EU-Forschungspolitik „All equal - all different in EU Research Policy" gewährte er einen Einblick in die derzeitige Sicht der Kommission auf das Thema, musste sich aber eine kritische Nachfrage zur Rücknahme des gleichstellungspolitischen Engagements bei den Antragsmodalitäten im 7. Forschungsrahmenprogramm durch die international renommierte Expertin für „Gendered Innnovations", Londa Schiebinger, aus Stanford, gefallen lassen.
 
Schiebinger selbst lieferte die Key Note des zweiten Tages, an dem die forschungsstrategische Dimension der Genderdifferenz und ihrer Implementierung im Vordergrund stand. Anhand von Fallbeispielen aus Archäologie, Medizin, Zoologie und Genetik konnte die Wissenschaftshistorikerin zeigen, wie die Sensibilität für Geschlechter-Differenzen neue Fragen und neue Felder eröffnet hat.
 
Sie regte eine lebhafte Diskussion an zwischen ausgewiesenen Fachvertretern aus der angewandten Forschung über das Innovationspotential der Fragestellung, deren Relevanz sich ebenso bei der aufgabengerechten Softwareentwicklung wie in der Automobilentwicklung und in der Robotik zeigte. Am augenfälligsten sind der ökonomische Mehrwert und der qualitative Gewinn in der geschlechterdifferenzierenden Medizin zu illustrieren, weil sie ebenso die Bezahlbarkeit des Gesundheitssystems wie die individuelle Lebensqualität betreffen: Frauen sind zwar weniger sepsisgefährdet, sprechen aber auf Medikamente anders an. Die Überdosierung von Medikamenten, die lediglich an jungen Männern getestet sind, sind nicht das einzige Risiko von Behandlungsfehlern. Die Kardiologin Prof. Dr. Vera Regitz-Zagrosek von der Charité stellte vor, wie geschlechtspezifische Unterschiede bereits die Symptomatik bestimmen.
 
Allerdings machen auch die überzeugendsten Beispiele von Innovation und qualitativer Veränderungen in einzelnen Fächern weder die Hinweise von Frau Prof. Margret Wintermantel als Psychologin hinfällig, daß die Geschlechterdifferenz eine gesellschaftliche Leitdifferenz ist, die Beurteilungen und Bewertungen nach sich zieht, noch entwerten sie die kulturwissenschaftliche Perspektive des Mediävisten Prof. Peter Strohschneider, daß die Rede vom „kulturellen Wandel" im Wissenschaftsbetrieb die Verniedlichung einer Machtfrage ist, insofern die Illusion der Eigenschaftslosigkeit von Wissenschaft auch ein massiver Exklusionsmechanismus ist, der die Stabilität und die Identität des Systems garantiert, mithin eine institutionelle und eine epistemologische Funktion erfüllt. Weshalb die Auflösung der Fiktion der Eigenschaftslosigkeit von Wissenschaft nicht umsonst zu haben ist, sondern erhebliche politische, institutionelle, finanzielle und epistemologische Folgen nach sich ziehen wird.
 
Wenn man die Offensive für Chancengleichheit des Wissenschaftsrates und die entsprechenden Empfehlungen der Hochschulrektorenkonferenz als den Abschluß einer „Barrieren"-Debatte betrachtet, wie mehr Frauen der Wissenschaft erhalten bleiben können, dann herrschte in Berlin Aufbruchstimmung: gutgelaunte Einigkeit, das die Zeit gekommen ist, praktisch zu werden, sinnvolle Quotierungen im Sinne des Kaskadenprinzips eingeschlossen - das alles nicht allein aus normativen Gründen der Gerechtigkeit, sondern vor allem aus Gründen der Qualität der Wissenschaft, denen sich selbst der ökonomische Tunnelblick auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit nicht entziehen kann.
 
Durch die hochkarätigen Impulsreferate und die engagierte Moderation von Ursula Heller vom Bayerischen Rundfunk und ihrer gelungenen Einbeziehung des sachkundigen internationalen Publikums in die Expertenrunden konnten die zwei Kongreßtage dem Thema „Gender" eine produktive neue Dimension erschließen und den knapp 300 KongressteilnehmerInnen neue Impulse mit auf den Weg geben.

alle Photos © Peter Himsel



GEFÖRDERT VOM

AUSGERICHTET DURCH

Rede Bundesministerin
Dr. Annette Schavan

Neue Akzente für Hochschule und Wissenschaft 

Rede Dr. Zoran Stančič
Europäische Kommission

All equal - all different in EU Research Policy 

Impulsreferat
Prof. Dr. Susanne Baer

Qualitätsoffensive für die deutsche Wissenschaft 

Gendered Innovations Keynote
Prof. Londa Schiebinger

Getting more Women into Science  - Knowledge Issues 

Links

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